{"id":133,"date":"2025-10-22T13:46:41","date_gmt":"2025-10-22T11:46:41","guid":{"rendered":"http:\/\/antonia-weber.de\/?p=133"},"modified":"2025-12-22T17:16:35","modified_gmt":"2025-12-22T16:16:35","slug":"uebersetzungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/antonia-weber.de\/index.php\/2025\/10\/22\/uebersetzungen\/","title":{"rendered":"\u00dcBERSETZUNGEN"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-cover is-light\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"603\" height=\"607\" class=\"wp-block-cover__image-background wp-image-134 size-full\" alt=\"\" src=\"https:\/\/antonia-weber.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Screenshot-2025-10-22-134200.png\" data-object-fit=\"cover\" srcset=\"https:\/\/antonia-weber.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Screenshot-2025-10-22-134200.png 603w, https:\/\/antonia-weber.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Screenshot-2025-10-22-134200-298x300.png 298w, https:\/\/antonia-weber.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Screenshot-2025-10-22-134200-150x150.png 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 603px) 100vw, 603px\" \/><span aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-cover__background has-background-dim\" style=\"background-color:#a49171\"><\/span><div class=\"wp-block-cover__inner-container is-layout-constrained wp-block-cover-is-layout-constrained\">\n<p class=\"has-text-align-center has-palette-color-8-color has-text-color has-link-color has-xx-large-font-size wp-elements-fc404effe22f99bdffbd08a83c79ad93\" style=\"letter-spacing:6px\">\u00dcBERSETZUNGEN<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>\u00dcber \u00dcbersetzungen \u2013 Vom Verlieren und Finden der Worte<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Es gibt S\u00e4tze, die in einer fremden Sprache klingen, als w\u00e4ren sie dort zu Hause. Und dann gibt es die S\u00e4tze, die einfach nicht umziehen wollen. Worte, die ihre Farbe verlieren, wie ein Stoff, der zu oft gewaschen wurde. \u00dcbersetzen ist eine Kunst des beinahe. Ein Versuch, Literatur Kultur- und Sprach\u00fcbergreifend erfahrbar zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Jede \u00dcbersetzung ist eine Interpretation \u2013 und jede Interpretation ist ein Verrat. Das wusste schon Nabokov, der seine Werke selbst \u00fcbersetzte, weil er niemandem traute, der seine S\u00e4tze zu glatt oder zu frei behandelte. Sein wohl ber\u00fchmtestes Werk <em>Lolita<\/em> existiert in einer englischen und einer russischen Fassung, beide von ihm selbst, und doch sind sie keine Zwillinge, sondern Spiegelbilder: leicht verschoben, unterschiedlich beleuchtet, in jedem Detail ein Kommentar auf das andere. Nabokov glaubte, dass \u00dcbersetzen ein Akt der Demut sei \u2013 aber auch der Selbstbehauptung. Wer \u00fcbersetzt, tritt in einen Dialog mit dem Original, in dem Respekt und Anma\u00dfung untrennbar sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Hannah Arendt wiederum wusste, wie gef\u00e4hrlich es ist, wenn ein Gedanke in der falschen Sprache landet. <em>Eichmann in Jerusalem<\/em> \u2013 oder, <em>Die Banalit\u00e4t des B\u00f6sen<\/em> \u2013 war ein Werk, das sie zwar auf Englisch schrieb, aber innerlich auf Deutsch dachte. Sie suchte jahrelang nach einer \u00dcbersetzerin, die die Balance zwischen N\u00fcchternheit und Sch\u00e4rfe, zwischen Ironie und moralischem Ernst wahren konnte. Denn das B\u00f6se, so Arendt, ist banal gerade in seiner sprachlichen Bequemlichkeit \u2013 und jede falsche \u00dcbersetzung drohte, diese Banalit\u00e4t zu besch\u00f6nigen oder zu \u00fcberspitzen.<br>Ihre Suche war also mehr als philologisch: Sie war ethisch. Wie \u00fcbersetzt man einen Gedanken, der eine ganze Zivilisation befragt?<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann ist da Swetlana Geier \u2013 die \u201eDame mit den f\u00fcnf Elefanten\u201c, wie sie sp\u00e4ter genannt wurde. F\u00fcnf, das waren ihre gro\u00dfen Dostojewski-\u00dcbersetzungen: <em>Schuld und S\u00fchne<\/em>, <em>Der Idiot<\/em>, <em>Die Br\u00fcder Karamasow<\/em>, Die <em>D\u00e4monen<\/em> und <em>Der gr\u00fcne Junge<\/em>. Geier war \u00fcberzeugt, dass eine gute \u00dcbersetzung nicht modernisieren, sondern \u201eatemholen\u201c m\u00fcsse. Ihre Sprache ist klar, pr\u00e4zise, fast still. Sie nannte \u00dcbersetzen \u201eein Liebesverh\u00e4ltnis\u201c, und vielleicht hat sie recht. Wer \u00fcbersetzt, muss sich der Sprache des anderen anpassen, ohne sich selbst zu verlieren. Ein guter \u00dcbersetzer liebt den Text nicht nur, er widerspricht ihm auch.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch warum ist das so schwer?<br>Weil Sprache keine reine Form ist, sondern Welt.<br>Worte funktionieren in sozialen und kulturellen Kontexten, tragen Geschichte, Rhythmus und Gesten. Ein deutsches \u201eHerz\u201c ist nicht dasselbe wie ein englisches \u201eheart\u201c, nicht weil die Bedeutung sich \u00e4ndert, sondern weil die Assoziationen andere sind. In jeder Sprache klingt das Denken anders. Deshalb ist \u00dcbersetzen kein \u00dcbertragen, sondern ein Neuerschaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und trotzdem \u2013 oder gerade deshalb \u2013 brauchen wir \u00dcbersetzungen. Sie sind Br\u00fccken \u00fcber Abgr\u00fcnde, die wir sonst nie \u00fcberqueren k\u00f6nnten. Ohne sie bliebe unsere Welt klein und einseitig. Eine gute \u00dcbersetzung ist wie ein Fenster: Man sieht hindurch, auch wenn das Glas nie ganz unsichtbar ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber man sollte nicht vergessen, dass man durch Glas blickt.<br>Es gibt Texte, die nur in ihrer Sprache ganz sind \u2013 Celans <em>Todesfuge<\/em>, Pessoa, Shakespeare, die Psalmen. Und doch ist es besser, sie halb zu verstehen, als gar nicht zu h\u00f6ren. \u00dcbersetzungen lehren uns, dass Verstehen immer Ann\u00e4herung ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Liegt nicht etwa in dieser Unvollkommenheit das Sch\u00f6nste: dass wir weiter versuchen.<br>Worte zu tragen, die uns nicht geh\u00f6ren. Gedanken nachzusprechen, die \u00e4lter sind als unsere Zungen.<br>Und dass wir \u2013 in dieser Bewegung zwischen Fremdem und Eigenem \u2013 ein wenig n\u00e4her an das herankommen, was alle Sprachen gemeinsam haben: das Bed\u00fcrfnis, geh\u00f6rt zu werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kann man einen Gedanken wirklich \u00fcbersetzen? Von Nabokov bis Hannah Arendt \u2013 wer Sprache \u00fcbertr\u00e4gt, ver\u00e4ndert sie. Und doch sind \u00dcbersetzungen Br\u00fccken: unvollkommen, aber notwendig, damit wir einander verstehen.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":134,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[47,45,49,11,48,46,44],"class_list":["post-133","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-bibliothek","tag-bruecken","tag-hannah-arend","tag-linguistik","tag-literatur","tag-sprache","tag-swetlana-geier","tag-uebersetzungen"],"blocksy_meta":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/antonia-weber.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/133","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/antonia-weber.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/antonia-weber.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/antonia-weber.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/antonia-weber.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=133"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/antonia-weber.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/133\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":206,"href":"https:\/\/antonia-weber.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/133\/revisions\/206"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/antonia-weber.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/134"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/antonia-weber.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=133"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/antonia-weber.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=133"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/antonia-weber.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=133"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}