
WARIS DIRIE
Wüstenblume – Über das Lesen von Biografien, Verantwortung und fremde Realitäten
Ich stehe Biografien oft skeptisch gegenüber. Häufig habe ich das Gefühl, dass sie sich ihr eigenes Existenzrecht erst mühsam erarbeiten müssen: Warum soll ich deine Lebensgeschichte lesen? Viele wirken auf mich unehrlich oder zumindest stark gefiltert – selbstdarstellerisch, strategisch, ironischerweise oberflächlich und dabei erstaunlich unpersönlich. Ich frage mich beim Lesen nicht selten, was genau hier erzeugt werden soll: Bewunderung? Mitleid? Zustimmung zu einer Version der erzählenden Person, von der ich nicht wissen kann, wie viel sie mit einem tatsächlichen Leben zu tun hat? Oft würde ich mir stattdessen ein echtes Gespräch wünschen – eines, in dem nicht jeder Satz mehrfach umformuliert wurde, um möglichst stimmig, eindrucksvoll oder sympathisch zu wirken. Wüstenblume von Waris Dirie ist für mich dennoch eine Ausnahme. Unabhängig davon, wie man Ton, Aufbau oder Selbstinszenierung bewertet, eröffnet dieser Text Perspektiven, die meiner eigenen Lebensrealität so fremd sind – und erzählt eine Geschichte, die in westlichen Öffentlichkeiten chronisch unterrepräsentiert ist. Gerade darin liegt seine Bedeutung.
Das Lesen dieses Textes – nicht zuletzt im Kontext meiner Bachelorarbeit – hat mich tief bewegt, manchmal verstört, oft sprachlos gemacht. Wüstenblume erzählt von einem Leben, das in vielerlei Hinsicht kaum weiter von meinem eigenen entfernt sein könnte: von einer Kindheit in Somalia, von Flucht, Gewalt, weiblicher Genitalverstümmelung, Armut, Migration – und später von einem kometenhaften Aufstieg in der westlichen Modewelt. Es ist ein Text, der extreme Kontraste nebeneinanderstellt und genau darin eine enorme Spannung erzeugt.
Zentral ist natürlich das Thema weiblicher Körper und Kontrolle: Wer entscheidet über den Körper eines Mädchens? Wer bestimmt, was als „Tradition“ gilt – und wer leidet unter ihr? Das Buch zwingt Leser:innen, sich mit Praktiken auseinanderzusetzen, die vielen von uns nur abstrakt bekannt sind. Gleichzeitig geht es um Migration und Selbstermächtigung, um das Ankommen in einer Welt, die Freiheit verspricht, aber neue Abhängigkeiten schafft.
Besonders eindrücklich ist dabei, dass Dirie nicht als passive Leidensfigur erzählt. Im Gegenteil: Wüstenblume ist durchzogen von einem starken Willen zur Selbstbehauptung. Waris Dirie wird oft als inspirierendes weibliches Vorbild gelesen – als jemand, der sich aus extremen Bedingungen befreit und ihre Stimme nutzt, um auf globale Ungerechtigkeiten aufmerksam zu machen. Diese Lesart ist nachvollziehbar und wichtig. Und doch lohnt es sich, auch hier genauer hinzusehen.
Es gibt Stimmen, die Wüstenblume als von oben herab, als selbstbeweihräuchernd oder unübersichtlich erzählt empfinden. Manche kritisieren Widersprüche im Text, Sprünge in der Chronologie oder eine sehr klare moralische Rahmung. Diese Kritik sollte nicht vorschnell abgetan werden – aber sie muss eingeordnet werden.
Denn hier stellt sich eine grundsätzliche Frage: Wie literarisch dürfen – oder müssen – wir Biografien kritisieren? Und nach welchen Maßstäben? Ein autobiografischer Text folgt nicht zwingend den Regeln kohärenter Erzählkunst. Erinnerungen sind fragmentarisch, Perspektiven verändern sich, Widersprüche gehören zum Erzählen eines Lebens dazu. Was aus westlicher, literaturwissenschaftlicher Sicht als „unsauber“ oder „unstrukturiert“ gelesen wird, kann ebenso Ausdruck eines anderen Erzählzugangs sein – oder schlicht der Versuch, Unaussprechliches überhaupt in Sprache zu bringen.
Gleichzeitig ist es legitim, kritisch zu bleiben. Auch autobiografische Texte sind kulturell situiert, strategisch erzählt und nie neutral. Diries Position als internationale Ikone, als UNO-Sonderbotschafterin, als Teil einer westlichen Öffentlichkeit beeinflusst, wie sie ihre Geschichte erzählt – und wie sie gehört wird. Die Frage ist nicht, ob Kritik erlaubt ist, sondern wie sie geübt wird.
Ich denke es beginnt alles mit einem Bewusstsein für Verantwortung im Lesen. Wüstenblume ist kein exotischer Erfahrungsbericht, kein „Blick in eine fremde Welt“, der konsumiert werden will. Es ist ein Text, der dazu auffordert, die eigene Position mitzudenken: die eigenen Privilegien, Wissenslücken, Vorannahmen.
Ein sinnvoller Umgang bedeutet, zuzuhören, ohne zu vereinnahmen. Nicht sofort zu urteilen, nicht alles einordnen oder relativieren zu wollen – aber auch nicht in eine unkritische Bewunderung zu verfallen. Es bedeutet, zwischen struktureller Kritik (an patriarchalen, gewaltvollen Systemen) und kultureller Überheblichkeit zu unterscheiden. Und anzuerkennen, dass Empathie nicht Gleichsetzung bedeutet.
Gerade weil ich Biografien oft skeptisch gegenüberstehe, hat mich Wüstenblume überrascht. Nicht, weil es mir „gefallen“ hätte – sondern weil es mir neue Perspektiven auf Realitäten eröffnet, die meinem eigenen Leben fremd sind. Solche Texte erweitern den Denkraum. Sie machen sichtbar, was sonst unsichtbar bleibt, und sie zwingen dazu, globale Zusammenhänge nicht abstrakt, sondern konkret zu denken.
Wüstenblume ist kein perfektes Buch. Aber das muss es auch nicht sein. Denn gerade darin liegt seine Stärke, dass es sperrig ist, emotional, widersprüchlich. Dass es nicht nur Antworten liefert, sondern Fragen hinterlässt: über Sprache, über Repräsentation, über Verantwortung – und darüber, wie wir Geschichten lesen, die nicht die unseren sind.