DAS DENKEN IM GEHEN

Ein reflektierender Text über das Nachdenken im Gehen – und warum Bewegung seit jeher Philosoph:innen und Dichter inspiriert.

ICH DENKE ALSO GEHE ICH

Zwischen Schritt und Gedanke – über das Denken im Gehen

Manchmal habe ich das Gefühl, dass meine Gedanken erst dann anfangen wirklich zu sprechen, wenn ich mich bewege. Wenn ich gehe. Nicht zielstrebig, nicht effizient, sondern einfach so – mit Händen in den Taschen, Blick irgendwo zwischen Himmel und Asphalt, und dieses leise Knirschen unter den Schuhen, das fast wie ein eigenes Tempo vorgibt.

Es ist merkwürdig: Im Sitzen denken wir oft „lauter“, aber im Gehen werden Gedanken ehrlicher. Sie sortieren sich, verlieren ihre Schärfe, werden durchlässiger. Vielleicht, weil der Körper mitdenkt. Vielleicht, weil wir uns selbst nicht mehr so fixieren, sondern sich unsere Perspektive nach außen erweitert.

Friedrich Nietzsche wusste das längst. „Nur die ergangenen Gedanken haben Wert“, hielt er in seinem Spätwerk Götzen-Dämmerung (1889) fest – eine Überzeugung, die sein gesamtes Schaffen prägte. Bei ihm war das Gehen kein bloßer Zeitvertreib, sondern die essenzielle Form seiner Philosophie. Er deklarierte das „Sitzfleisch“ gar als die eigentliche Sünde wider den heiligen Geist, denn für Nietzsche musste ein Gedanke im Freien geboren werden, damit auch die Muskeln „ein Fest feiern“ konnten. Der Körper wurde so zum philosophischen Instrument: Jeder Schritt war ein physischer Impuls, der das Denken vorantrieb. Nietzsche dachte nicht gegen den Körper – er dachte mit ihm.

Ganz anders, aber ebenso still, ging Jean-Jacques Rousseau seine Wege. In seinen Träumereien des einsamen Spaziergängers (1782) beschreibt er das Gehen als Zustand zwischen Welt und Selbst. Ein Sich-Verlieren in der Landschaft, ein sanftes Versinken in Erinnerung, Gefühl und Gegenwart. Bei Rousseau wird der Spaziergang nicht zur Leistung, sondern zur Offenbarung – eine zarte Bewegung nach innen.

Und dann ist da Rilke. Seine Spaziergänge sind weniger Wege als seelische Übergänge. Man spürt in seinen Texten dieses leise Umherirren, dieses vorsichtige Tasten nach Bedeutung. Als würde jeder Schritt auch eine Frage stellen. Bei ihm wird das Gehen poetisch, beinahe schwebend – ein langsames Annähern an das, was sich nicht greifen lässt.

Charles Baudelaire wiederum macht aus dem Gehen eine Lebenshaltung. In seinem Essay Der Maler des modernen Lebens (Le Peintre de la vie moderne, 1863) entwirft er das Bild des Flaneurs, der durch die Stadt streift – nicht, um anzukommen, sondern um zu beobachten. Er geht, um zu sehen. Um sich zu verlieren. Um die Welt als Bühne zu erleben – und sich selbst als stillen Zeugen darin.

Rebecca Solnit führt diesen Gedanken in die Gegenwart. In Wanderlust: A History of Walking (2000) erzählt sie vom Gehen als Widerstand gegen eine Welt, die uns immer schneller will. Für sie ist der Spaziergang ein Akt der Selbstbehauptung – ein Rückerobern von Zeit, Körper und Aufmerksamkeit. Ein stilles Nein zur ständigen Verfügbarkeit.

Und auch Henry David Thoreau verstand das Gehen als Rückverbindung mit dem Wesentlichen. In seinem berühmten Essay Vom Wandern (Walking, 1862) schrieb er: „Ich glaube, dass ich meine Gesundheit und meine Geister nicht bewahren kann, wenn ich nicht mindestens vier Stunden am Tag […] durch die Wälder und über die Hügel und Felder streife.“ Für ihn war jeder Spaziergang eine Art moralische Übung, ein Weg zurück zur Einfachheit und zur Klarheit. Dabei ging es ihm um mehr als frische Luft: Es war ein bewusster Aufbruch in das „Wilde“, ein Akt der inneren Verwilderung gegen die Zwänge der Zivilisation.

Sogar bei Albert Camus lässt sich das Gehen als leiser Widerstand lesen – wobei dies eher eine Interpretation seines Lebensgefühls ist, da er kein explizites Werk über das Wandern verfasste. Doch in seinem existenzialistischen Denken, etwa in Der Mythos des Sisyphos (1942), schwingt dieses Bild mit: Das Weitergehen trotz allem. Das In-Bewegung-Bleiben als Zeichen von Würde inmitten des Absurden.

Wenn ich selbst gehe, spüre ich all das nur als Echo, nicht als Theorie. Ich gehe, weil mich das Gehen leichter macht. Weil es mich aus mir selbst herauslöst und mir gleichzeitig näherbringt. Weil Gedanken plötzlich nicht mehr so schwer wirken, weil Sorgen sich entknoten, weil sich Zwischenräume öffnen.

Im Gehen darf das Denken träumerisch sein. Unfertig. Fragend. Niemand drängt zur Lösung. Niemand verlangt ein Ergebnis. Es ist ein Denken, das nicht funktionieren muss – und gerade deshalb frei wird.

Könnte darin der eigentliche Zauber des Gehens liegen?:Es erlaubt uns wieder langsame Wesen zu sein. Es führt uns zurück zu einem Rhythmus, der tiefer liegt als Termine und To-do-Listen. Zu einem Tempo, das nicht misst, sondern spürt.

Und während ich weitergehe, Schritt für Schritt, denke ich: Vielleicht lasse ich die nächsten Tage das Fahrrad noch weiter im Schuppen und finde zurück zu meiner inneren Flaneuse.

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